Danach !

Es ist schwer über die Tage danach zu schreiben. Wir lebten unter Schock, bekamen
von dem, was draußen passierte nur das mit, was man uns mitteilte.
 
Zu unserem Kind hatte man uns nicht gelassen. Man sagte uns im Krankenhaus, dass
Kevin in einem abgesicherten Raum sei und wir sonst Beweisspuren vernichten würden.
Dann brachte man uns im Polizeiwagen zur Wache nach Aachen. Dort saßen wir drei Stunden
in einem kalten Treppenhaus auf der dritten Etage. Obwohl ich nicht glaubte das Kevin
tot ist, stand ich immer wieder auf, ging zum Treppengeländer und dachte, wenn du da jetzt 
runter springst, ist es vorbei. Aber ich sprang nicht, wir blieben brav wo wir waren.
Ab und zu kam dann mal jemand und fragte, ob wir einen Seelsorger brauchten. Gegen 03:30 Uhr
mussten wir dann unsere Zeugenaussagen machen und man sagte uns wir sollen unsere Tochter 
direkt aus ihrer Wohnung holen, bevor sie von anderen erfährt, was passiert ist. Mein Vater
saß unten und wartete auf uns und er fuhr uns dann zu Mandy....
 
Nach dem wir dann zu Hause waren, suchte sie im Internet nach den Forum, in dem Wochen zu vor
ein Streit zwischen zwei Gruppen entstanden war. Der Streit hatte damit angefangen, dass
unser Sohn eine Freundin mit den Worten "Hallo Süße" (was er zu vielen Freundinnen
schrieb) angeschrieben hatte und ihr Freund sich dadurch angegriffen fühlte. Mandy
suchte bis in den frühen Morgenstunden, fand jedoch nur wenig. (Zur gleichen Zeit 
etwa rief ein Freund unseres Sohnes ein Mitglied der NPD an und teilte diesem mit,
dass sein Freund von einem Ausländer erstochen wurde. Was er mit diesem Anruf auslöste
war ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Er stand selber unter Schock, musste
miterleben wie unser Sohn vor seinen Augen erstochen wurde. Für dieses NPD - Mitglied
kam dieser Anruf allerdings zum richtigen Zeitpunkt. Sie hatten Wochen vorher eine Demo
für diesen Tag angemeldet und nahmen den Tod unseres Sohnes zum Anlass, ihm zum Märtyrer zu 
stilisieren. Welche Lügen in den Medien zu lesen sein würden, davon hatten wir noch keine 
Ahnung....
 
Gegen 08:00 Uhr kamen zwei Polizisten, zur gleichen Zeit wurde unser jüngster Sohn Tobias 
wach. Er verstand gar nicht was los war. Die Polizisten nahmen unsere Tochter zur Aussage mit
und beschlagnahmten den PC. Keiner wusste was oder warum das geschehen war. Für uns kamen 
zwei Sachen in Frage. Zum einen dieser Internetstreit, wo wir aber wussten das unser Kevin 
und dieser Mo sich ausgesprochen hatten und diese Sache ja geklärt war. Und zum anderen
hatte Kevin ein paar Wochen vorher für kurze Zeit eine Freundin, deren Ex-Freund ihm gedroht
hatte ihn abzustechen. Für uns war das dass Naheliegenste. (Das nicht mal 100 Meter von uns 
entfernt der Mörder unseres Kindes im Bett lag und schlief, auf diesen Gedanken wären wir nie
gekommen). Nach dem die Polizisten weg waren, mussten wir nun Tobias sagen, das sein Bruder 
Tod ist. Tobias war instinktiv wieder in sein Zimmer gegangen als die Polizei gekommen war.
Genau wie bei Mandy möchte ich darüber nicht schreiben. Es ist nicht in Worte zu fassen,
seinem Kindern so etwas sagen zu müssen. 
Wir saßen da und warteten, ja warten das haben wir in dieser Zeit gelernt ....
Irgendwann kamen meine Schwiegereltern, gegen elf wurde Mandy zurück gebracht. Sie erzählte 
uns dass Verdächtige auf dem Revier verhört wurden, sie aber niemanden gesehen hatte.(Was
wir nicht wussten, zur gleichen Zeit wurde 100 Meter von uns entfernt der Mörder unseres 
und dessen Bruder festgenommen). Irgendwann kam ein Kripobeamter und ein Seelsorger. An den
Inhalt von diesem Gespräch kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur das im laufe des
Tages immer mehr Familienangehörige und Freunde kamen. Alle standen unter Schock. Im laufeine
der nächsten Wochen war es eigentlich immer so, das unsere Wohnung voll war, Familie, 
Freunde, Nachbarn, Polizei, Seelsorger und unser Pfarrer waren hier.
Ich bin vielen von ihnen sehr dankbar, dass man uns nie allein gelassen hat.
Sonntag kam dann wieder dieser Kripobeamte und der Seelsorger und teilten uns mit das Kevin`s
Mörder gefasst und geständig sei.
 
Montag eine Nachricht, die uns noch mehr den Boden unter den Füßen wegzog.
Polizei, Seelsorger und unser Pfarrer waren hier. Man teilte uns mit, dass die NPD
und rechte Gruppierungen den Tod unseres Sohnes für ihre propagandischen Zwecke ausnutzten 
und zwei Tage zuvor eine Demo in Stolberg abgehalten hatten. Die Mitglieder
behaupteten, Kevin sei einer von ihnen und man hätte schon eine neue Demo für
kommenden Samstag aufgerufen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wir hatten während der 
ganzen Zeit Radio oder Fernsehen angemacht und von alledem nichts mitbekommen.
Was wollte man uns noch alles antun?!
Es sollte noch einiges sein
 
Man stellte uns vor die Wahl. Eine öffentliche Beerdigung, bei der wir mit
5000 Rechtsextremisten rechnen mussten, mit riesigem Polizeiaufgebot und 
Presse. Oder eine geheime Beerdigung. Wobei wir aus Sicherheitsgründen, nur den 
kleinsten Familienkreis kurz vor der Beerdigung bescheid sagen durften. Für meinen
Mann war sofort klar, dass er nie unsere Kinder dem aussetzen würde. Er dachte an unsere
Familienangehörigen, Freunde und Arbeitskollegen, darunter auch Ausländer. Sollte man 
diese Menschen dem aussetzen? Ich sah das ganz anders. Mandy hatte mir erzählt, dass
sie für Kevin eine ganz besondere Beerdigung machen mochte, in allen Einzelheiten hatte
sie mir immer wieder davon erzählt. Und jetzt sollte ich unser Kind wie einen 
Verbrecher in aller Stille zu Grabe tragen lassen....
Die ganze Zeit während mein Mann versuchte mir seine Sichtlage zu erklären, saß ich nur da
und dachte, jetzt werde ich Mandy auch noch verlieren. Das verzeiht sie mir nie. Es 
bedeutete ihr so viel....
Durch die Hilfe unseres Pfarrers, konnte auch ich mit der kommenden Entscheidung leben.
Er ist eine Seele von Mensch und ich bin ihm für sehr vieles unendlich dankbar.
Mandy war die einzige, der wir erzählten was wir machen mussten. Ohne ihr Einverständnis,
hätte ich mit dieser Entscheidung nicht leben können. Doch meine Angst war unbegründet.
Mandy wollte nicht das Kevin unter solchen Umständen beerdigt wird.
Unser Pfarrer machte uns dann den Vorschlag ein paar Tage nach Kevins Beerdigung eine 
öffentliche Trauermesse zu halten. So hoffte man, wurde den rechten Gruppierungen erst
mal der Wind aus den Segeln genommen und Mandy durfte diese Messe mitgestalten.
Man sollte recht behalten. So ein wichtiger Kamerad war unser Kevin dann wohl doch nicht. 
Denn keiner von ihnen tauchte bei dieser Messe auf. Warum auch? Es war ja keine Presse
vor Ort. Und somit für diese Leute nichts zu holen....
Das schlimme war, wir mussten in den nächsten zwei Tagen unsere Familien und Freunde
immer wieder belügen. Immer wieder wurden wir gefragt, was hat die Polizei gesagt? 
Wann ist die Beerdigung? Wir wichen diesen Fragen immer aus, selbst das wir uns am
nächsten Tag von Kevin verabschieden durften , durften nur wenige wissen. Jeder der gewusst 
hätte das Kevin schon frei gegeben war, hätte sich denken können, dass dann auch bald die
Beerdigung ist. So nahmen wir vielen die Möglichkeit Kevin noch einmal zu sehen.
Auch damit müssen wir Leben!
 
Um zu zeigen, dass die NPD Kevin nur für ihre Zwecke benutzt und er kein Mitglied von ihnen
ist, machten wir ein Plakat, wo unser Sohn mit Freunden (darunter auch Ausländer) drauf zu 
sehen ist. Und hängten es am Tatort auf.
Wir werden diese Lügen nicht einfach so hinnehmen.
Unser Sohn kann sich nicht mehr wehren. Wir schon.
Wenn Kevin ein Mitglied der NPD gewesen wäre, würden wir zu 100% dahinter stehen. Jeder
hat das Recht auf seine politische Meinung. Genau wie jeder das Recht auf seine religiöse
Einstellung hat. 
Ein paar Wochen vor Kevin´s Tod, hatte er noch eine russische Freundin, sie schlief bei Kevin
und aß mit uns zusammen. Viele seiner Arbeitskollegen sind keine deutschen, Kevin mochte 
jeden von ihnen. Und das soll dann ein Rassist sein? NEIN! 
Kevin hat über Ausländer geschimpft, genau wie über Deutsche. Jeder schimpft über Menschen
wenn man sich ärgert, aber über das, was einen verärgert und nicht, weil das gerade von einem
Ausländer oder Deutschen kommt. Was soll dieser ganze Mist? 
Wenn ein Deutscher mich beleidigt ist das okay und bei einem Ausländer nicht? Ich würde mich
bei beiden zur Wehr setzten. Wenn die rechten Gruppierungen für unseren Sohn auf die Straße
gegangen wären, weil Kevin auf so feige und hinterhältige Art erstochen wurde, wären wir 
diesen Menschen dankbar gewesen. Genau wie wir jedem anderen Dankbar sind, der an unser
Kind denkt.
Aber nicht mit dieser Lüge
 
Am Dienstag rief man uns an und sagte, es kommt jetzt jemand vom Beerdigungsinstitut
vorbei, Kleidung für Kevin holen. "Bitte geben sie auch eine Mütze mit". Wieder
Schock. Die schlimmsten Bilder gingen mir durch den Kopf. Kevin wurde erstochen, warum
dann eine Mütze? Die Gedanken nehmen uns auch heute noch die Luft. Unser Kind, allein in
einem kalten Raum, auf dem Obduktionstisch...
Man ließ uns eine halbe Stunde Zeit. Eine halbe Stunde, um die Kleidung zu wählen, die unser 
Kind jetzt für immer tragen wird. Ich konnte nicht klar denken. Kevin hatte eine Woche
zuvor sein Zimmer ausgemistet und alle Mützen und Kappen waren weg. Seine Lieblingsmütze lag
in Aachen in der Wohnung seiner Schwester. Niemand dachte daran. Ich fand dann noch eine
Mütze von früher. In der Eile gab ich dem Bestatter Schuhe mit die Kevin gar nicht mehr
angezogen hat. An die Schuhe darf ich gar nicht denken. Kevin würde mich für verrückt 
erklären.  Zwei Stunden später durften wir dann zu ihm. Er lag in seinem Sarg. Sah so weiß, 
dünn und zerbrechlich aus. Seine Hände, wie die eines Kindes. Mandy schrie immer wieder,
"Das ist nicht mein Bruder, das ist eine Puppe." Ich hörte sie, wie aus weiter ferne. Ich
wusste, das ist das letzte Mal wo ich mein Kind sehen würde und wollte nur bei ihm sein. 
Nicht eine Sekunde von diesen letzten Minuten, die ich bei Kevin sein durfte, möchte ich je 
vergessen. Mit unserem Pfarrer beteten wir und dann haben wir Kevin ein letztes Mal geküsst.
 
Mittwoch Morgen: Wir riefen unsere Familien an und erklärten ihnen, dass Kevin in zwei 
Stunden beerdigt würde. Keiner hatte die Möglichkeit sich darauf vorzubereiten oder einen 
Kranz zu bestellen. Dann rief ich Cally, Kevin´s langjährige Freundin an und sagte ihr, sie
solle bitte nicht zur Schule gehen, da ich mit ihr reden müsste. Als sie zu mir ins Auto 
stieg, erklärte ich ihr alles. Sie weinte und lief dann noch mal rein um Bilder und einen
Abschiedsbrief für Kevin zu holen. Ich fuhr dann mit ihr zu einem Blumenladen, um für alle 
noch eine Rose für Kevin zu kaufen. Als wir bei uns zu Hause ankamen war der 
Polizeiseelsorger da. Er gab über Handy alle Namen, Autos und Kennzeichen durch. Aus 
Sicherheitsgründen mussten alle auf den Friedhof fahren und dort parken. Jeder der reinging
wurde kontrolliert. Mit 23 Menschen saßen wir in der Kapelle, draußen überall Polizei in
Zivil. Auf Kevin´s Sarg ein Gesteck von uns. An die Worte unseres Pfarrers kann ich mich
nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich an den Weg zum Grab und die ängstlichen Blicke von
Tobias. Er ging zwischen mir und meinem Mann und schaute immer wieder überall hin. Die Angst 
in seinem Gesicht, das doch irgendjemand kommt, diese Bilder werde ich nie vergessen...
 
Montag: Trauermesse. Gerne hätten wir die Messe am Samstag gehalten, da es für viele leichter
gewesen wäre, an diesem Tag zu kommen. Doch die Demo in Stolberg hielt uns davon ab. 
Trotzdem kamen an die 500 Menschen. 
Ich möchte jedem einzelnen von ihnen dafür danken, dass sie trotz ihrer Ängste an der Messe
teilgenommen haben. 
Mandy, Tanja und einige Freunde hatten mit unserem Pfarrer die Messe vorbereitet.
Am Anfang hörten wir das Lied "Dieser Weg von Xavier Naidoo". Tanja las folgendes
Gedicht vor, welches sie selbst für Kevin gedichtet hat:
 
Für Dich Kevin!
Du warst gerade erst 19 Jahr.
Im Leben noch nicht ganz angekommen,
da hat man dich uns weggenommen.
Es war noch viel zu früh für dich,
deine Familie und deine Freunde vermissen dich!
Es sind so unerträgliche Schmerzen, aber Kevin,
du bleibst immer in unseren Herzen.
 
Später lief Kevin`s Lieblingslied Getto Gospel von Tu Pac und dann las der Polizeiseelsorger
folgenden Text von Mandy an Kevin vor:
 
Kevin war ein lebenslustiger Mensch, der jeden zum lachen gebracht hat.
Wenn man traurig war konnte man zu Kevin kommen. Er hat einen sofort auf
andere Gedanken gebracht und hat geholfen, wo er nur konnte.
Kevin der Mensch, zu dem man hingehen konnte und sich ihm in vollstem 
Vertrauen öffnen konnte. 
Kevin war auch ein unternehmungslustiger Mensch, der immer mit seinen Freunden
unterwegs war.
" Mit dir Kevin hatten wir immer viel Spaß. Wir denken oft an die vielen schönen
Zeiten, die wir mit dir zusammen verbracht haben, z.B. jeden Sommer haben wir 
mit dir auf dem Schulhof Basketball gespielt und haben uns immer darüber 
aufgeregt, dass deine Mannschaft gewonnen hat. Oder, vor ein paar Wochen, als
wir mit Mandy, Melanie, Ahmet und Erkan in der Dönerbude waren und du 4 Euro in
den Spielautomaten geworfen hast und über 200 Euro gewonnen hast.
Wir müssen immer daran denken und drüber lachen, wie du im Blausteinsee ein 
Denkmal gesetzt hast.
Wir müssen uns immer daran erinnern, wie eitel du warst, du hattest eine Dauerkarte
für die Sonnenbank. Das erste, was du nach der Arbeit gemacht hast, war dir eine 
Gesichtsmaske aufzulegen. Uns würden noch so viele schöne Dinge zu dir einfallen,
aber so viele Blätter haben wir leider nicht zu Verfügung.
Diese letzten Worte möchte ich dir Kevin Schatz widmen!
Ruhe in Frieden! Du wirst immer in unseren Herzen bleiben.
Ich liebe Dich, deine Sis Mandy
 
Zum Schluss lief das Lied " Abschied nehmen von Xavier Naidoo ".
Alle die gekommen waren zündeten zum Abschied eine Kerze an und stellten sie vor
Kevin`s Foto. 
 
Es war eine sehr schöne Messe, die unserem Sohn sicherlich gefallen hätte. Auch wenn es
für uns so war, als ob wir unser Kind ein zweites Mal beerdigt hätten, sind wir froh,
dass wir Pfarrer Frick an unserer Seite hatten. 
Er hat Kevin die Würde wieder gegeben, die Unmenschen ihm genommen hatten.